Lesezeit Mai – Juli 2012

Europa erzählt
Mittwoch 16. Mai 2012, 17 Uhr
Ulla Biskup liest aus: Julian Barnes „Vom Ende einer Geschichte“
Wie sicher ist Erinnerung, wie unveränderlich die eigene Vergangenheit? Tony Webster erfährt, dass Erinnerung trügerisch ist.
Vierzig Jahre später, Tony hat eine Ehe, eine gütliche Trennung und eine Berufskarriere hinter sich, ist er mit sich im Reinen. Doch der Brief eines Anwalts, verbunden mit einer Erbschaft, erwecken plötzlich Zweifel an den vermeintlich sicheren Tatsachen der eigenen Biographie.
Mittwoch 30. Mai 2012, 17 Uhr
Ulla Biskup liest aus: Peter Stamm „Seerücken“
Peter Stamm erzählt ungeheuer kunstvoll und scheinbar so einfach von Leben, die nicht gelebt, die aufgeschoben, erinnert und schließlich verpasst werden. In lakonischen Sätzen und unauffällig stimmungsvollen Szenen findet er leicht lesbar, aber schwer verdaulich die kaum spürbaren Eruptionen, die sich im Rückblick als Erdbeben erweisen. Peter Stamm zeigt sich auch in “Seerücken” wieder als Meister der Kurzgeschichte.
Mittwoch 13. Juni 2012, 17 Uhr
Ulla Biskup liest aus: Andrea Camilleri „Streng vertraulich“
1929 reist der Neffe des äthiopischen Kaisers Negus nach Vigàta in Sizilien, um zu studieren. Zur gleichen Zeit plant Mussolini eifrig die Expansion seiner Kolonien in Afrika. Der Kaiserneffe scheint ihm ein idealer Fürsprecher für seine Pläne und für die Pracht des faschistischen Italien, und er befiehlt trotz leerer Kassen die finanzielle Unterstützung des hohen Gastes. Jedoch wartet der Duce vergeblich und vor Wut schäumend auf ein Zeichen des Neffen. Camilleris Buch einer “authentischen Dummheit” ist voller Humor und ein herrliches Spiel aus Realität und Fiktion.
Mittwoch 27. Juni 2012, 17 Uhr
Ulla Biskup liest aus: Siegfried Lenz „Die Maske“
Es ist Sommer geworden. Auf der kleinen Insel in der Elbmündung sind die ersten Feriengäste angekommen, und für den Wirt der Gaststätte Blinkfeuer hat die Saison begonnen. Da peitscht ein Unwetter von der Nordsee über die Insel, und als die Menschen sich wieder an den Strand trauen, liegt dort eine große Kiste, im Sturm über Bord gegangen von einem Schiff der China Shipping Container Lines. Darin befinden sich Masken, bestimmt für das Völkerkundemuseum in Hamburg. Die Menschen probieren die Masken an, sind plötzlich selbst Drache, Tiger oder Puma. Die vermeintliche Maskierung bringt das wahre Gesicht zum Vorschein.
Fünf Erzählungen sind hier vereint. In klarer und geschliffener Sprache erzählt Lenz ganze Lebensgeschichten oder auch nur kurze Episoden. Ohne zu deuten oder zu interpretieren lässt er die Ereignisse für sich sprechen.
Mittwoch 11. Juli 2012, 17 Uhr
Ulla Biskup liest aus: John Updike „Die Tränen meines Vaters“
In dieser Lesezeit sind es die USA, die erzählen.
„Es ist leicht, Menschen in der Erinnerung zu lieben”, schreibt John Updike in seinen nachgelassenen Erzählungen. Und er tut es, er blickt zurück, will die verblassenden Bilder so zärtlich, aber auch so genau wie möglich beschreiben die Großeltern, die musische Mutter mit ihren jähen Zornesausbrüchen, den lehrenden Vater, die eigenen Kinder und Enkel. Und natürlich die Frauen.